„Ein Vollbad in Klangfarben!“

Interview mit Christian Stähr

Sie sind Leiter der Kantorei St. Johannis Neubrandenburg, kommen also aus der kirchenmusikalischen Praxis. Haben Sie schon andere Kompositionen bearbeitet?

Ich habe – wie viele meiner Kantoren-Kollegen – immer wieder Musik für meine eigene Arbeit und Möglichkeiten eingerichtet. Daran ist mein „inneres Ohr“, also die Vorstellung von Klängen, gewachsen und vor allem irgendwann auch der Mut, mit Respekt aber ohne Schüchternheit die vorgegebenen Noten und Strukturen neu zu interpretieren. Damit ist natürlich der Rahmen von üblichen, eher handwerklichen Einrichtungen gesprengt und es führte zu regelrechten Neuausrichtungen. Zuletzt habe ich z. B. Variationen für Orgel solo von Lefebure-Wely für Chor und 2 Solo-Violinen umgestrickt, weil ich schon immer einmal einen Chor als Begleitung für Instrumentalisten ausprobieren wollte. Dieses „Spiel“ mit Musik hat mir immer Spaß gemacht und mir nach und nach einiges Instrumentations-Handwerk vermittelt. Die Bearbeitung von „Via crucis“ ist aber vom Umfang her singulär.

Franz Liszts “Via crucis”, 14 Stationen des Kreuzweges, das ist eine intensive, verinnerlichte Andachtsmusik. Die übersichtliche Besetzung für Solostimmen, Chor und Orgel bzw. Klavier signalisiert allein räumlich Einkehr und den Blick nach Innen. Wieso dann eine Version für Kammerorchester?

Sicher – vom Ausdruck her geht der Blick nach Innen. Aber dass es von Liszt vier Fassungen gibt (Orgel solo, Klavier solo, Chor und Orgel, Chor und Klavier), ist für mich eher ein Signal, dass es ihm nicht darum ging, eine Endfassung zu definieren, sondern diese un-erhörte, avantgardistische Musik überhaupt einmal aufführungspraktisch zu Papier zu bringen. Vielleicht wären für jede andere Instrumentalfassung die damaligen Aufführungschancen noch geringer gewesen. Viele melodische Linien wirken aber mit Klavier und Orgel doch eher hölzern – so als wenn man Wagnersche Opern im Klavierauszug aufführt. Es braucht eigentlich nicht viel Fantasie, an einigen Schlüsselstellen sofort eine lyrische Oboe oder ein wehmütiges Waldhorn hineinzuhören.

Was war für Sie der Reiz zu dieser Bearbeitung?

Ich war schon immer fasziniert von den Kammermusik-Fassungen, die Arnold Schönberg und sein Umfeld um 1920 herum von großen symphonischen Werken Bruckners, Mahlers, Debussys u. a. angefertigt haben. So etwas wollte ich einmal ausprobieren – und mit den gewählten 11 Instrumentalisten hat man so unglaublich viele Möglichkeiten. Ein Vollbad in Klangfarben!

„Via crucis“ ist ein typischer später Liszt: ausgereizte Harmonik bis an die Grenze des Atonalen. Außerdem hat Liszt verschiedene Stile genutzt: gregorianischen Choral, klassischen (= barocken 4-stimmigen) Choral, romantische Motette, hoch-expressive Passagen der Solo-Stimmen. Wie haben Sie diese verschiedenen Stile mit Ihrer Instrumentierung umgesetzt?

Es macht aus meiner Sicht den Reiz von Liszts „Via crucis“ aus, dass er die Kompositions-Stile so geschickt verwendet, dass man sie nicht nebeneinander, sondern als eine stimmige Verbindung hört. Ich bin daher erst einmal von diesem „einheitlichen“ Eindruck ausgegangen und habe die Musik aus einer grundsätzlichen romantischen Klangvorstellung heraus eingerichtet. Nur in der Einleitung, bei der ich die Assoziation eines Pilger-Zugs hatte, habe ich bewusst eine alte Tradition „zitiert“, nämlich die sogenannten „Harmoniemusiken“, bei denen Blasinstrumente und Kontrabass (hier noch erweitert durch das Cello) für Freiluft-Musiken kombiniert wurden.

Haben Sie verschiedene Instrumente, Solo-Instrumente bestimmten Stilen oder Text-Stellen zugeordnet? Schlagzeug…?

Die Wirkung, die Liszt durch Struktur und Tonalität angelegt hat, und vor allem sein Überschreiten von Konventionen, haben mich zu einigen exquisiten Farben angeregt, die in dieser Häufung eigentlich erst 30 Jahre später üblich wurden. So verwende ich einmal die Piccoloflöte in tiefer Lage, wo sie brüchiger klingt als die eigentlich angebrachte Querflöte. Weitere Beispiele sind eine Kombination von Streichern mit und ohne Dämpfer oder die Anreicherung des Klanges mit Streicher-Pizzicati. Vor allem die Verwendung des Schlagwerks in den Stationen I, X und XII ist sicherlich jenseits von Liszts Klangwelt, und so habe ich manches davon auch „ad libitum“ dem Mut des Dirigenten überlassen.

Das Interview mit Christian Stähr führte Cornelia Rost.