„Möglichst unter die Haut gehend“

Interview Martin Torp

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Ihre Vertonung von „Psalm 22“ ist ein Auftragswerk der Dormagener Kantorei, sollte im Anschluss an Christian Stährs Instrumentierung von Liszts „Via crucis“ aufgeführt werden, wie es ja auch im Konzert in der Thomaskirche passiert. Welchen Einfluss hatte die Tatsache, dass Ihr „Psalm 22“ auf Liszts „Via crucis“ folgen sollte?

Kantor Christian Stähr transkribierte 2012 Liszts „Via crucis“ für Bariton, Chor und ein elfköpfiges Instrumentalensemble (Bläser- plus Streich-Quintett und 1 Schlagzeuger) und wünschte sich ein inhaltlich passendes Stück mit derselben Besetzung von mir. Ich entschied mich für den 22. Psalm, der von Theologen ja auch als „Christi Leidenspsalm“ bezeichnet wird. Denn der erste Psalmvers ist identisch mit den Worten, die Jesus am Kreuz gerufen hat („Eli, eli, lama asabtani“) und die Verse 1 bis 22 muten wie eine Beschreibung seines Leidens auf Golgatha an. Liszts Musik hat mich nicht nennenswert beeinflusst. Vielmehr gab die durch den Kompositionsauftrag vorgegebene Instrumentation den Rahmen der klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten vor und prägte so auch die formale Gestalt der Komposition teilweise mit.

Das ist eine sehr expressive Komposition, mit einem breiten stilistischen Spektrum …

Ja! Der Text des 22. Psalms spiegelt die unterschiedlichsten Seelenzustände wider, und das in sehr intensiver, existenzieller, ja extremer Weise – im ersten Teil werden psychische und physische Qualen sehr plastisch beschrieben und gewissermaßen herausgeschrien; im zweiten Teil (ab Vers 23) wird dagegen ein Erlösungszustand hymnisch besungen. Ich interpretiere diesen Teil als Apotheose auf Christi Auferstehung und denke, dass Jesus mit seinem Ruf „Eli, eli, lama asabtani“ auf den 22. Psalm und damit auch auf seine Auferstehung hinweisen wollte. Da der Inhalt des Psalms mich selbst stark berührt hat und mir wichtig war, wollte ich diesen möglichst intensiv und „unter die Haut gehend“ vertonen.

Im ersten Teil gibt es viel Geräusch-haftes, nicht konventionell-Komponiertes: Sprechgesang im Bariton-Solo. Im Chor: Flüstern, Tuscheln, rhythmisches Sprechen, ohne Angabe der Tonhöhen, und im Orchester: Cluster- und Flageolett- Klänge, Glissandi, also improvisatorische Passagen. Das bedeutet, da geben Sie bewusst mehr Raum für die Aufführung und die Interpretation?

Die Verse des ersten Psalm-Teiles riefen in mir ganz bestimmte Klänge, Geräusche und akustische Effekte hervor. Das habe ich dann mit möglichst einfachen und praktikablen Mitteln aufgeschrieben. Hätte ich hier alles bis ins letzte Detail ausnotiert, wäre das Partitur-Bild einerseits extrem kompliziert und andererseits für die Choristen eines Laienchors unausführbar geworden. Die improvisatorischen Freiräume, die die von mir gewählte Notationsweise mit sich bringen, bieten zudem die Chance, dass die Wirkung dieser Stellen frischer und intensiver gerät als im Fall einer komplett durchnotierten Partitur, bei deren Ausführung die Augen der Mitwirkenden ständig an den Noten kleben.

Eine besonders bewegende Szene ist die, in der das Volk Jesus verspottet, mit einem bedrückenden Orchestersatz, und dann kommt – wie aus einer anderen Welt – ein klassischer Choral im klassischen Streichersatz: ein Zitat? Das hat eine Wirkung wie am Ende von Alban Bergs Violinkonzert das Zitat der Choralmelodie „Es ist genug“ …

Die choralartige Passage (Takt 74-105) ist meine eigene Erfindung, kein Zitat. Vom Inhalt her stellt sie fast das Gegenteil dessen dar, was Alban Berg mit seinem „Es ist genug-Zitat“ andeuten wollte. In Bergs Fall handelt es sich um einen Zustand der Lebensmüdigkeit; bei den von mir liedhaft und mit warmen Klängen vertonten Psalm-Versen 10 und 11 geht es hingegen um die tröstliche Erinnerung an die Geborgenheit „an der Brust meiner Mutter“.

Es gibt mehrere Stellen im „klassischen“ Streichquintett-Satz – welche Bedeutung haben die?

Je nach inhaltlichem Kontext ganz unterschiedliche Bedeutungen. Die Streichinstrumente haben das größte Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten von allen verwendeten Instrumenten. Sie können warm und weich klingen, aber auch geräuschhaft oder ruppig und vieles andere mehr.

Im zweiten Teil, ab Vers 23, “Ich will deinen Namen verkündigen…“ ist dann (fast) nichts mehr dem Zufall überlassen. Der Chor singt viel Unisono „Lobet den Herrn…“, „Euer Herz soll ewig leben“ – die Musik ist verklärt, es kehrt Ruhe und Versöhnlichkeit ein – das ist die Botschaft?

Wie schon angedeutet, geht es in diesem Teil um die Auferstehung und damit auch um die – durch den Opfertod Jesu ermöglichte – metaphysische Erlösung der Menschheit von den Fesseln des Todes. Um dies zu verdeutlichen habe ich am Schluss der Kantate die Worte „euer Herz soll ewiglich leben“ ausgiebig wiederholt. Der gleichsam ewige Klangstrom dieses hymnischen Schlussteils mag im Hörer den „Strom lebendigen Wassers“ aus der Offenbarung des Johannes evozieren. Am Ende finden also Glaube und Hoffnung ihre Erfüllung im Ozean der Liebe Gottes.

Das Interview mit Martin Torp führt Cornelia Rost.